Parallel zum Laufen
auf den ausgetretenen Pfaden wandern meine Gedanken ständig umher: Singa Chuli,
Nepal, Trekking, Berge, Schnee, Einsamkeit, Expedition, Porter.... die Liste
wäre nicht abschliessend. Ich bin völlig fasziniert von dieser Abgeschiedenheit,
von der Einfachheit der hier lebenden Familie. Mein Geist kann sich völlig
erholen, während meine Füsse sich immer wieder duellieren und keiner im
Hintertreffen bleiben will. Ich bin zudem aber auch völlig perplex und fühle
mich irgendwie entblöst, peinlich berührt, schuldig. Es liegt zwar nicht an
mir, noch trifft mich ein Verschulden, dennoch fühle ich mich irgendwie
schlecht. Bisher bin ich immer von einem Wechselspiel ausgegangen, von einer
zweiseitigen Win-Win-Situation. Nun merke ich, dass es hier in diesem Spiel nur
einen Gewinner gibt: Den Gast! Mich. Das behagt mir gar nicht.
Ich spreche von den
Trägern, auf Neudeutsch und Nepalesisch Porter. Sie werden für ihre
Arbeitskraft, Material für die Touristen raufzuschleppen, entschädigt. Eines
Abends zu Beginn meiner Expedition bin ich in Kontakt mit einem Porter einer
anderen Gruppe gekommen. Da er sehr gut Englisch sprechen konnte, stand einem
intensiven und tiefergründigen Gespräch nichts im Weg. So erfuhr ich, dass die
Träger für ihre Arbeit hier im Tal für die Strecke Nayapul – South
Annapurna-Basecamp normalerweise 800 nepalesische Rupien erhalten. Dies
entspricht in etwa 10 sFr. Und zwar nicht pro Tag, sondern für die gesamte
Tour. 10 sFr. für 8-10 Tage, je nach Kondition der Gäste. Zudem kommen sie
selber für ihre Mahlzeiten auf: Dhal Bat, ein nepalesisches Nationalgericht,
bestehend aus Reis, Curry und verschiedenem Gemüse. 1x Dhal Bat kostet 300 –
400 Rupien pro Mahlzeit, Preis mit zunehmender Entfernung vom Taleingang stark
steigend.
Man braucht keine
Lehre bei Adam Ries gemacht zu haben um zu bemerken, dass die Träger schon nach
2 Tagen ein Verlustgeschäft einfahren. Als ich von ihrem läppischen Lohn
erfahren habe, schwankte mein Gefühl zwischen Erbostheit und Schuldgefühlen.
Erbost war ich über die Frechheit der Anbieter, den Trägern keinen besseren
Lohn zu bezahlen, schuldig fühlte ich mich, weil ich meinen drei Trägern eine
Arbeit bot, die für sie ein Verlustgeschäft bedeutete. Das muss man sich mal
vor Augen führen: Wer arbeitet schon, obwohl er weiss, dass er am Schluss
weniger Geld hat als zuvor?
Die einzigen Gründe,
warum man als Träger diese Arbeit dennoch annimmt und ausführt, liegen auf der
Hand:
1. Es gibt andere Träger, die für diesen Preis arbeiten (und so kommt nie
eine Besserung zu Stande)
2. Erhalten die
Träger am Schluss der Tour ein ordentliches Trinkgeld, so hat sich dies für sie
gelohnt.
Genau letzteres nahm
ich mir strikte vor, zumal ich ersteres nicht beeinflussen konnte! Und mich
entsprechend bei meiner Agentur über diesen für mich unverständlichen Zustand
zu Gunsten meiner Kumpels beklagen. Was ich dann auch anständig, aber bestimmt
tat.
Und so kreuzen sich
auf den Wegen nach und von Macchapucchre – Basecamp Welten: Asiatische
Gesichter mischen sich mit Europäischen/Amerikanischen, verschiedene Hautfarben
wechseln sich mit Koreanern im Vollschutz (zugeknöpft und zugeschnürt bis unter
die Haarspitzen, als müssten sie an der Dschungelshow „Ich bin ein Star, holt
mich hier raus!“ in ein Insektenbecken tauchen, arm trifft auf reich... Unterschiede
könnten nicht grösser sein. Während die einen Touristen einen oder gar keinen
Rucksack tragen, tragen die Porter 1-4 grosse Reisetaschen der Touristengruppen
hoch. Da fühle ich mich mit meinem vollen, ca. 15kg schweren 65Liter-Rucksack
doch einigermassen gut aufgehoben.
Bei jedem Kreuzen
von anderen Gruppen spüre ich es wieder, dieses Gefühl von Ungerechtigkeit, von
Schuldgefühlen, da ich nun auch weiss, dass praktisch alle Porter ebenso wenig
verdienen wie meine drei Kumpels. Immer wieder kreuzen sich die Blicke und
immer, wenn mich einer der nepalesischen Blicke trifft, fühle ich mich
schuldig.
Ich musste irgendwie
dieses Schuldgefühl loswerden. So nahm ich mir vor, dass ich mit allen
Touristen, mit denen ich am Abend in den Lodges (auf der gesamten Strecke)
jeweils ins Gespräch kam, dieses Thema in neutraler und informativer Form ansprechen
möchte, sollte sich die Situation dazu ergeben. Dies tat ich dann auch und
erleichterte mich doch immer mehr. Nicht in aufdringlicher Art, aber einfach in
für mich befreiender Form.