Sonntag, 2. Dezember 2012

Nepal Part 3: Die wahren Helden am Berg

Parallel zum Laufen auf den ausgetretenen Pfaden wandern meine Gedanken ständig umher: Singa Chuli, Nepal, Trekking, Berge, Schnee, Einsamkeit, Expedition, Porter.... die Liste wäre nicht abschliessend. Ich bin völlig fasziniert von dieser Abgeschiedenheit, von der Einfachheit der hier lebenden Familie. Mein Geist kann sich völlig erholen, während meine Füsse sich immer wieder duellieren und keiner im Hintertreffen bleiben will. Ich bin zudem aber auch völlig perplex und fühle mich irgendwie entblöst, peinlich berührt, schuldig. Es liegt zwar nicht an mir, noch trifft mich ein Verschulden, dennoch fühle ich mich irgendwie schlecht. Bisher bin ich immer von einem Wechselspiel ausgegangen, von einer zweiseitigen Win-Win-Situation. Nun merke ich, dass es hier in diesem Spiel nur einen Gewinner gibt: Den Gast! Mich. Das behagt mir gar nicht.

Ich spreche von den Trägern, auf Neudeutsch und Nepalesisch Porter. Sie werden für ihre Arbeitskraft, Material für die Touristen raufzuschleppen, entschädigt. Eines Abends zu Beginn meiner Expedition bin ich in Kontakt mit einem Porter einer anderen Gruppe gekommen. Da er sehr gut Englisch sprechen konnte, stand einem intensiven und tiefergründigen Gespräch nichts im Weg. So erfuhr ich, dass die Träger für ihre Arbeit hier im Tal für die Strecke Nayapul – South Annapurna-Basecamp normalerweise 800 nepalesische Rupien erhalten. Dies entspricht in etwa 10 sFr. Und zwar nicht pro Tag, sondern für die gesamte Tour. 10 sFr. für 8-10 Tage, je nach Kondition der Gäste. Zudem kommen sie selber für ihre Mahlzeiten auf: Dhal Bat, ein nepalesisches Nationalgericht, bestehend aus Reis, Curry und verschiedenem Gemüse. 1x Dhal Bat kostet 300 – 400 Rupien pro Mahlzeit, Preis mit zunehmender Entfernung vom Taleingang stark steigend.
Man braucht keine Lehre bei Adam Ries gemacht zu haben um zu bemerken, dass die Träger schon nach 2 Tagen ein Verlustgeschäft einfahren. Als ich von ihrem läppischen Lohn erfahren habe, schwankte mein Gefühl zwischen Erbostheit und Schuldgefühlen. Erbost war ich über die Frechheit der Anbieter, den Trägern keinen besseren Lohn zu bezahlen, schuldig fühlte ich mich, weil ich meinen drei Trägern eine Arbeit bot, die für sie ein Verlustgeschäft bedeutete. Das muss man sich mal vor Augen führen: Wer arbeitet schon, obwohl er weiss, dass er am Schluss weniger Geld hat als zuvor? 

Die einzigen Gründe, warum man als Träger diese Arbeit dennoch annimmt und ausführt, liegen auf der Hand: 
1. Es gibt andere Träger, die für diesen Preis arbeiten (und so kommt nie eine Besserung zu Stande)
2. Erhalten die Träger am Schluss der Tour ein ordentliches Trinkgeld, so hat sich dies für sie gelohnt.

Genau letzteres nahm ich mir strikte vor, zumal ich ersteres nicht beeinflussen konnte! Und mich entsprechend bei meiner Agentur über diesen für mich unverständlichen Zustand zu Gunsten meiner Kumpels beklagen. Was ich dann auch anständig, aber bestimmt tat.

Und so kreuzen sich auf den Wegen nach und von Macchapucchre – Basecamp Welten: Asiatische Gesichter mischen sich mit Europäischen/Amerikanischen, verschiedene Hautfarben wechseln sich mit Koreanern im Vollschutz (zugeknöpft und zugeschnürt bis unter die Haarspitzen, als müssten sie an der Dschungelshow „Ich bin ein Star, holt mich hier raus!“ in ein Insektenbecken tauchen, arm trifft auf reich... Unterschiede könnten nicht grösser sein. Während die einen Touristen einen oder gar keinen Rucksack tragen, tragen die Porter 1-4 grosse Reisetaschen der Touristengruppen hoch. Da fühle ich mich mit meinem vollen, ca. 15kg schweren 65Liter-Rucksack doch einigermassen gut aufgehoben.

Bei jedem Kreuzen von anderen Gruppen spüre ich es wieder, dieses Gefühl von Ungerechtigkeit, von Schuldgefühlen, da ich nun auch weiss, dass praktisch alle Porter ebenso wenig verdienen wie meine drei Kumpels. Immer wieder kreuzen sich die Blicke und immer, wenn mich einer der nepalesischen Blicke trifft, fühle ich mich schuldig.
Ich musste irgendwie dieses Schuldgefühl loswerden. So nahm ich mir vor, dass ich mit allen Touristen, mit denen ich am Abend in den Lodges (auf der gesamten Strecke) jeweils ins Gespräch kam, dieses Thema in neutraler und informativer Form ansprechen möchte, sollte sich die Situation dazu ergeben. Dies tat ich dann auch und erleichterte mich doch immer mehr. Nicht in aufdringlicher Art, aber einfach in für mich befreiender Form.